Die Hagelgewitter vom 29. Mai 1902

Kurzfassung:

Hagelgewitter am Nachmittag und Abend des 29. Mai 1902 von Südwest nach Nordost bzw. von Süd nach Nord über dem westlichen und nordwestlichen Deutschland, hauptsächlich im Rheinland und in Westfalen sowie im daran angrenzenden Niedersachsen. Die Gewitterzüge sind gebietsweise mit ganz erheblichem Hagelschlag verbunden, außerdem kommt es zu Sturm- und zu Wasserschäden. Durch Blitzschläge werden dort drei Personen getötet, zwei weitere Menschen kommen blitzbedingt im Nordosten von Deutschland ums Leben.

Beschreibung:

Die teils ganz erheblichen Hagelgewitter gehören zu den intensiveren Unwetterereignissen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie markieren außerdem den eigentlichen Start in die Gewittersaison 1902, die aufgrund ihrer großen Anzahl an Hagel- und Sturmgewitter in Deutschland und Österreich sehr signifikant ausfällt. Der 29. Mai ist der bedeutendste Unwettertag des gesamten Monats.

Die Ausgangslage am Mittag des 29. Mai 1902 (13 Uhr GMT) sieht folgendermaßen aus:

(Ausschnitt aus: Synoptic Weather Map Northern Hemisphere, May 29, 1902, Quelle: NOAA)

Der Mai 1902 gehört zu den kältesten seit Beginn der instrumentellen Beobachtungen. Erst zum Ende des Monats hin erfolgt eine nennenswerte Erwärmung, dann allerdings sehr rasch. Schon am 29. Mai wird in einigen Teilen Deutschlands die höchste Temperatur des ganzen Monats gemessen (Arnsberg: 27.2°C; Geisenheim: 29.6°C; Ergebnisse der Beobachtungen an den Stationen II. und III. Ordnung, 1902).

In die sich erwärmende Luft stößt seit dem Vortag von Westen her eine Kaltfront eines Tiefs über Nordeuropa. Die Front selbst kommt über Mitteleuropa nur langsam voran, der Hauptvorstoß der kälteren Luft erfolgt in Richtung Spanien und Portugal. Dort entwickelt sich ein Wellentief, wohl verbunden in der Höhe mit einem Langwellentrog vor Westeuropa. An der dadurch induzierten südwestlichen Höhenströmung dürften sich weitere kleine Wellen an der Front entwickeln, die in der Wetterkarte nicht abgebildet sind. Die Gewitterentwicklung im Rheinland und in Westfalen dürfte hauptsächlich im Bereich solcher kleinräumigen und Nordost ziehender Wellenentwicklungen stattfinden, was die teils rasche Verlagerung der Gewitter erklärt - auch wenn die gesamte Front kaum ostwärts vorankommt und zum nächsten Tag hin sogar wieder rückläufig wird.

Erste Gewitter gibt es ab dem späten Vormittag und ab der Mittagszeit hauptsächlich zwischen dem Sauerland, dem Teutoburger Wald und dem Harz. In Willebadessen kommt es schon gegen 13 Uhr zu ersten Blitzschäden. Diese früh entstandenen Gewitter verlagern sich teilweise direkt nordwärts oder gar nordwestwärts, wie es bei einem Gewitter in der Region Hannover gegen 14 Uhr zu beobachten ist. Da sich die Gewitter oft an der der gleichen Stelle neu entwickeln, treten örtlich hohe Niederschlagsmengen auf (Willebadessen: 37.2 mm, Bad Driburg: 43 mm, Brakel: 45,5 mm Regen auf den Quadratmeter).

Kurz nach Mittag setzt auch im westlichsten Deutschland Gewittertätigkeit ein. Aachen meldet mäßiges Gewitter von 13 bis 13.30 Uhr und starkes Gewitter ab 14.30 Uhr (bis gegen 19 Uhr), jeweils aus SSW (Veröffentlichungen des Meteorologischen Observatoriums Aachen 8 (1902)). Aus diesen wiederholt auftretenden Gewittern entwickelt sich ein Unwetter, das in der Zeit nach etwa 15.30 Uhr bis nach 16.30 Uhr mit großer Schnelligkeit das Rheinland nordostwärts durchzieht und auf seinem Weg vor allem die Regionen um Jülich und Grevenbroich heimsucht. Es kommt zu teils erheblichen Sturmschäden, und im zentralen Teil des Hagelzugs fallen stellenweise extrem große Hagelkörner. Rund um Titz sollen Hagelbrocken von einem Viertelpfund Gewicht gefunden worden sein, das entspräche einem Hagelkorndurchmesser von 6 cm und mehr. Die Schadensschneise dieses Schwergewitters lässt sich über Grevenbroich hinweg bis nach Düsseldorf bzw. Neuss hin verfolgen, wo Beobachtungen von einer sich rasch nähernden braungelben Wolkenwand vorliegen. Hagelschäden treten noch am Rhein auf, danach verliert sich die Spur dieses Gewitters etwas. Es hängt möglicherweise mit den Gewitterschäden im nördlichen Sauerland zusammen, die am frühen Abend in der Region Altena - Iserlohn - Schwerte in Form von Starkregen und Hagel auftreten (in Altena fallen 17,5 Liter Regen in 21 Minuten, in Menden 20,1 Liter in 18 Minuten).

Vorlaufend entwickeln sich aus den seit Mittag auftretenden Gewittern ab dem späten Nachmittag ebenfalls einzelne Unwetter. Diese Schwergewitter schlagen eine teils rein nördliche Zugbahn ein bzw. ziehen N/NNO. Ein erstes starkes Hagelgewitter entwickelt sich wohl in der Zeit ab oder nach 16 Uhr nordöstlich von Lemgo und zieht dann zwischen Minden und Bückeburg hindurch in die Region Stolzenau. Es ist verbunden mit erheblichem Hagelschlag, die Hagelkörner weisen Durchmesser von etwa 4 cm auf. Angetrieben von Sturmböen, richtet der Hagel beträchtliche Schäden an, ein Mann wird leicht verletzt. -

Etwa eine halbe Stunde später setzt nur wenige Kilometer westwärts ein weiteres Hagelgewitter ein, das nach 17 Uhr östlich von Bielefeld entsteht. Es zieht ganz knapp östlich von Herford vorüber, ebenfalls in Richtung N/NNO, etwa bis in die Region östlich von Lübbecke. Es zieht annähernd parallel zum vorhergehenden Hagelgewitter, der Hagelzug ist zwar nicht ganz so lang, dafür treten größere Hagelbrocken auf (bis etwa Hühnereigröße).

Die Gewittertätigkeit hält noch bis zum Abend an, sie verlagert sich allgemein dann noch weiter nördlich bzw. nordöstlich. - Der 29. Mai 1902 ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch das Rheinland und die Regionen nördlich der Mittelgebirge von außerordentlich großem Hagel heimgesucht werden können. Das Rheinland ist übrigens in jenem Jahr noch später der Schauplatz eines überaus heftigen Unwetters: dem berüchtigten Hagelorkan vom 26. Juli 1902.

In der nachfolgenden navigierbaren Karte sind alle Schäden eingetragen, die bei den kräftigen Hagelgewittern am 29. Mai 1902 im Rheinland, in Westfalen und in Teilen von Niedersachsen aufgetreten sind (Mausklick auf die Icons liefert weitere Informationen):

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